Als der Bundesrat zum Thema Rassismus gefragt wurde

Der vor Kurzem von SRF Virus produzierte „Jahresrückblick mit Bundesrat“ war ein eher unkonventionelles Interview, in dem der Protagonist – Bundesrat Alain Berset – mit einigen Fragen junger Menschen in der Schweiz konfrontiert wurde. Der Aufhänger: Junge Menschen möchten vom Bundesrat wissen, wie er sich zu unterschiedlichen Themen, die sie beschäftigen, äussert. Die meisten Statements und Fragen im Video beleuchteten komplexe, gesellschaftlich hoch relevante Themen wie u.a. die Klimakrise, Mental Health und Corona. Auch wir wurden angefragt, ob eine Person aus unserer Community, die sich antirassistisch engagiert, ein Statement sowie eine konkrete Frage zum Thema Rassismus in der Schweiz Herrn Berset stellen möchte. Sehr gerne wollten wir diese eher einmalige Gelegenheit wahrnehmen und sagten daher zu.

Obschon natürlich keine finalisierten Lösungsvorschläge für einige der grössten Herausforderungen unserer aktuellen Gesellschaft erwartet werden durften, hatten wir die Zuversicht – oder zumindest die Hoffnung –, immerhin einzelne konkrete Massnahmen des Bundesrats gegen Rassismus in der Schweiz sowie dessen Haltung zu bestimmten Beispielen von empirisch belegtem strukturellem Rassismus hierzulande zu erfahren.

Hier geht’s zum Video und dem Artikel dazu (Thema „Rassismus in der Schweiz ab Min. 14:30):

Leider fiel Alain Bersets Antwort auf das Statement und die Frage von Yuvviki Dioh allerdings sehr kurz und oberflächlich aus, selbst wenn Herr Berset der Komplexität hinter strukturellem Rassismus mit der Einsicht, dass es sich auch um Denkstrukturen handelt, Rechnung trägt. Mit dem Verweis auf die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) – deren Departement Bundesrat Berset vorsteht – beteuert Herr Berset wie wichtig es ist, dass das Gleichheitsgebot für alle Menschen in der Schweiz auf hohem Niveau gelten muss. Die EKR habe ausserdem zur Aufgabe eben genau Massnahmen vorzuschlagen, die dieses Gleichheitsgebot erhalten würden. Für uns, sowie für bestimmt viele weiteren Zuschauer:innen wäre es hier interessant und aufschlussreich gewesen, wenn Herr Berset im Interview mit einer kurzen Aufzählung die angedeuteten Massnahmen erwähnt sowie auch rasch erläutert hätte. Denn schliesslich wurde konkret nach den Massnahmen – „Welche Massnahmen“? – gefragt

Stattdessen widerspiegelt sich in Herrn Bersets Antwort – ob bewusst oder unbewusst – eine eher ausweichende Strategie, die viele Rassismusbetroffene nur allzu gut kennen, wenn sie mit Nicht-Betroffenen aktive „Lösungsvorschläge“ diskutieren, die eine Mitverantwortung für antirassistisches Handeln beinhalten: die Defensive.

„Man kann nicht einfach vom Bundesrat erwarten, dass er das löst.“, sagt Alain Berset.

Das Statement und die Frage zu Rassismus in der Schweiz implizieren beide nicht die Erwartungshaltung an den Bundesrat, dass er Rassismus „alleine lösen“ müsse geschweigen denn könnte. Herr Berset weist anschliessend weiter darauf hin, dass „wir alle“ gefragt seien, da es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handle. Auch diese Aussage erinnert allzu stark an eine eher ausweichende Argumentation: Klar, alle Teile einer Gesellschaft müssen aktiv gegen Rassismus vorgehen, wenn dessen Bekämpfung erfolgreich sein soll. Aber die Frage war, was der Bundesrat – als Teil der Gesellschaft und als wichtiger Teil von „wir alle“ – konkret für eine antirassistische Schweiz unternimmt. Eine Antwort darauf ist leider nach wie vor ausstehend.

Mit seiner Antwort, öffnet Herr Berset hingegen zusätzlich ein weiteres Diskussionsfeld: Was können wir vom Bundesrat erwarten hinsichtlich der Bekämpfung rassistischer Strukturen? Der Bundesrat hält eine grosse Machtposition inne, die es ihm erlaubt, nachhaltig und massgeblich die grundlegenden Strukturen des friedlichen Zusammenlebens in unserer Gesellschaft zu gestalten, zu formen und aktiv zu fördern. Die Einwohner:innen der Schweiz können also sehr wohl erwarten, dass der Bundesrat dazu beiträgt, unsere Gesellschaft diskriminierungsfreier zu gestalten sowie auch dazu bereit(er) ist, über die dafür notwendigen Massnahmen ausführlich zu sprechen.

Gerne möchten wir die gestellte Frage daher nochmals an den Bundesrat richten:

Welche Massnahmen ergreift der Bundesrat, um unsere Gesellschaft strukturell und nachhaltig antirassistisch und diskriminierungsfrei zu gestalten?

Das ungekürzte Statement und die Frage von Yuvviki Dioh zum Thema „Rassismus in der Schweiz“ an den Bundesrat Alain Berset

Die Produzent:innen-Sicht

An dieser Stelle muss auch die Verantwortung von Produzent:innen mediatisierter öffentlichen Debatten in Bezug auf strukturellen Rassismus erwähnt und zum Teil (konstruktiv) kritisiert werden. Denn auch in diesem Fall hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, dass Medienschaffende – vor allem innerhalb des Service Public – sich hinsichtlich Rassismus schulen, sowie Fachexpertise einholen müssen, um nicht – wenn auch ungewollt – problematische Narrative o.ä. zu reproduzieren.

Die selbstständig gefilmten und eingesandten Statements und Fragen an den Bundesrat wurden von den Produzent:innen nach eigenem Ermessen gekürzt. Dieser Vorgang kommt bei Medieninhalten grundsätzlich immer wieder vor. Beim Statement und der Frage zum Thema „Rassismus in der Schweiz“, für das unser Kollektiv persönlich angefragt wurde, fielen aber die Umstände und der Prozess der Kürzung leider unserer Ansicht nach schwierig aus. Als Hauptproblem sehen wir, dass die Kürzung(en), nachdem im Vorhinein keine fixen Angaben zu Länge (+/- 1 Minute) oder Inhalt/Sprache gemacht wurden, aus – soweit uns kommuniziert – Motiven geschahen, die nicht einer angemessenen Auseinandersetzung mit Rassismus entsprechen. Dementsprechend halten wir gewisse der Kürzungsgrundlagen in diesem Fall für problematisch. Eine dominante Argumentationslinie für die Kürzungen war die Ansicht, dass die Aussagen in dem Statement aufgrund einzelner Fachbegriffe zu kompliziert und daher unverständlich seien. Daher sollte eine Vereinfachung bzw. deren Weglassung den Inhalt verständlicher machen. Diese Komplexitätsreduktion mag gestalterisch vielleicht sinnvoll erscheinen, entspricht aber nicht dem Komplexitätsgrad der Thematik und läuft zusätzlich Gefahr, in der Folge die strukturelle Dimension von Rassismus zu untergraben. Wir schafften es, einiges in dem Statement letztlich so beibehalten zu können, wie wir es für wichtig und auch angemessen hielten. Allerdings wurde auch ein Ultimatum gestellt: das Video müsse gekürzt werden, ansonsten würde es es nicht ausgestrahlt werden und das Thema Rassismus falle dann halt ganz weg. Wir sind uns desweitern nicht sicher, ob den Produzent:innen genug bewusst (gemacht) wurde, weshalb die  Vollständigkeit bei der Thematisierung von Rassismus unserer Ansicht nicht so wichtig ist. 

Diese Erfahrung hat abermals gezeigt, dass eine angemessene öffentliche Debatte – oder in diesem Fall eher Thematisierung – zu strukturellem Rassismus Fachwissen und -expertise auf Seiten der Medienschaffenden zentral ist. Zusätzlich müssen auch Abläufe, Ziele, Interessen klar kommuniziert sowie auch eingehalten werden. 

Anti-Rassistische Aktivist:innen sehen den Wert der öffentlichen Sichtbarkeit, sind aber auch (zu) oft mit frustrierenden Situationen konfrontiert, wenn sie mit – auch meist wohlwollenden – Medienschaffenden zusammenarbeiten, weil oft zusätzliche Aufklärungsarbeit nötig ist, um sicher zu stellen, dass keine problematischen Narrative reproduziert werden. 

Dieses Statement soll auch als Appell an Medienschaffende im Allgemeinen gelten: Recherche zu Rassismus (wie auch anderen Diskriminierungsformen) ist. Nicht zuletzt, um den oftmals komplexen Zusammenhängen und spezifischen Lebensrealitäten / Erfahrungen gerecht zu werden, sondern auch um eine eine erfolgreiche und respektvolle Zusammenarbeit mit Betroffenen sicherzustellen.