Im Gespräch mit Kantonsratskandidatin Mandy Abou Shoak (SP)

Mandy Abou Shoak (SP) kandidiert für den Kantonsrat in den Zürcher Kreisen 3 und 9. Im Gespräch mit uns sagt sie: „Wir haben ein Problem: Die Linke glaubt nicht an die Politik und geht deshalb nicht wählen und migrantische Menschen fühlen sich von wirtschaftsliberalen Parteien besser angesprochen. Das muss sich ändern.“ Uns vis-à-vis sitzt Mandy Abou Shoak. Sie trägt einen Afro und strahlt uns mit grossen Augen an. Wenn man sie so beobachtet, fühlt es sich an, als würde sich eine Spitzensportlerin gerade bereit machen für den Startschuss. Mandy Abou Shoak ist dreiunddreissig Jahre alt. Mit ihrer Familie ist sie im Alter von zwei Jahren aus politischen Gründen aus dem Sudan in die Schweiz geflüchtet. Sie hat im Bachelor Soziokultur und im Master Menschenrechte studiert und arbeitet als Co-Geschäftsführerin in der Gewaltprävention. Mandy ist startklar.

Kollektiv Vo da.: Mandy, wieso willst du in den Zürcher Kantonsrat? Erfahrungsberichten zufolge ist dieser ja nicht gerade ein Safer Space für eine Schwarze, muslimische Frau… Weshalb möchtest du dir das antun?

Mandy Abou Shoak: (lacht) Genau deshalb. Wir haben ein Problem. Die Linke glaubt nicht an die Politik und geht deshalb nicht wählen und migrantische Menschen fühlen sich von wirtschaftsliberalen Parteien besser angesprochen. Das muss sich ändern. Ich möchte einen Beitrag daran leisten, dass sich migrantische, migrantisierte und anders marginalisierte Menschen mit ihren Lebensrealitäten in Zukunft etwas wohler fühlen können in solchen Räumen. Es ist Zeit, dass junge Menschen mit Migrationsgeschichte, Frauen, muslimische Menschen etc. SP-Mitglied werden und sich für ein politisches Amt aufstellen lassen. Wir müssen uns getrauen, uns an die Tische zu setzen, an denen die Rahmenbedingungen von unseren Leben verhandelt und bestimmt werden. Wie die erste Schwarze US-Kongressfrau Shirley Chisholm einst sagte: „If they don’t give you a seat at the table, bring in a folding chair.“

Worum geht es dir genau?

Mandy Abou Shoak: Als migrantische Person denkt man sich immer wieder: „Spinne ich oder passiert das gerade wirklich?“ Beispielsweise, wenn eine Person in unserer Gegenwart abfällig über Migrant:innen spricht und man sich fragt, wieso glaubt diese Person, dass sie das in meiner Anwesenheit ungehindert tun kann? Oder dass Menschen einem gewisse, primär negative Dinge zuschreiben. Und teilweise glaubt man diese Zuschreibung sogar. Es ist wissenschaftlich bewiesen: Wenn man die gleichen Dinge immer wieder hört, glaubt man sie irgendwann selbst. Sie werden zur Normalität. Nicht wenige von uns internalisieren diese Abwertungen. Stuart Hall spricht hier von der „Internalisierung des Selbst als Anderen“. Das führt dazu, dass man diese Ungerechtigkeiten, den Rassismus nicht mehr als solche erkennt und ein Selbstbild entwickelt, das sich an diesen abwertenden, rassistischen Zuschreibungen orientiert.

Heute wissen wir, dass von Rassismus benachteiligte Menschen viel mehr leisten müssen, um gleich honoriert zu werden wie eine nicht rassifizierte Person. Zum Beispiel hat die Studie Max versus Murat gezeigt, dass das gleiche Diktat massiv schlechter bewertet wird, wenn der Name „Murat“ auf dem Blatt steht anstelle von „Max“. Und wir sprechen von genau dem gleichen Diktat. Das hat mit rassistischen Zuschreibungen zu tun.

Und was können wir nun mit diesen Erkenntnissen machen?

Mandy Abou Shoak: In erster Linie geht es darum, genau diese Perspektive, diese Erfahrung in den Mittelpunkt unserer Politik zu stellen. Und: davon überzeugt zu sein, dass es unsere Perspektiven braucht, einfach weil sie schlichtweg fehlen. Rund 40% der Menschen, die im Kanton Zürich leben, haben eine Migrationsgeschichte. Diese Vielfalt fehlt im Kantonsrat komplett. Das kann nicht sein. Mit meiner Präsenz im Zürcher Kantonsrat möchte ich die Arbeit von Vorkämpferinnen, wie Sarah Akanji, Ezgi Akyol und weiteren fortführen und den Weg für die nächsten ebnen und dadurch vereinfachen. Und wer weiss, vielleicht bist du die:der nächste Politiker:in?

Was motiviert dich das zu tun?

Mandy Abou Shoak: Ungerechtigkeit treibt mich seit langem an. Als Jugendliche hatte ich einen sehr klaren Sensor für diverse Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft. Umso älter ich wurde, umso mehr blendete ich gewisse Ungerechtigkeiten einfach aus. Nach dem Motto: „So ist das nun mal“ oder „da kann man halt nichts tun“. Ich erinnere mich: In meiner Jugend habe ich oft erlebt, dass mein Körper, meine Haare, meine Lautstärke akribisch beschrieben, bewertet, ja geradezu „vermessen“ wurden. Ich habe mich oft geschämt, als ich das mitgekriegt habe. Das hat dazu geführt das ich in vielen Situationen verstummt bin. Aus dieser Schockstarre hinauszutreten, das Schweigen zu brechen, und meine Erfahrungen zu teilen, war ein grosser Befreiungsmoment für mich selbst. Erst dann habe ich von anderen Schwarzen Mädchen erfahren, dass sie Ähnliches erlebt haben. Dieses Teilen hat mir gezeigt, dass meine Erfahrung keine individuelle Erfahrung ist, sondern eine kollektive Erfahrung von vielen Schwarzen Mädchen. Und viel später habe ich verstanden, dass diese Bewertung, diese Vermessung eine Geschichte hat, nämlich eine kolonial rassistische, die offensichtlich bis in die Gegenwart wirkt. Um auf die Frage zurückzukommen: Was mich motiviert, ist die Hoffnung, vielen Menschen mitteilen zu können, dass sie nicht allein sind mit den Ungerechtigkeitserfahrungen, die sie machen, und ihnen verkünden zu können, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen können, die Strukturen zu verändern, die dieses kollektive Leid erzeugen.

Wie meinst du das genau?

Mandy Abou Shoak: Die Ungleichbehandlung durch Rassismus hat sich schon lange in all unsere Lebensbereiche eingefressen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Neuchâtel zu strukturellem Rassismus in der Schweiz hat gezeigt, dass rassifizierte Menschen hierzulande unglaublich viel Rassismus erleben und zwar bei der Arbeits- und Wohnungssuche, in den Schulen, bei Behördengängen, im Einbürgerungsprozess, bei Leistungen hinsichtlich der sozialen Sicherheit, im Gesundheitswesen, im Kontakt mit der Polizei und der Justiz, in der Politik, in der medialen Darstellung, im Internet, im Alltag, im öffentlichen Raum und sogar in der eigenen Familie. Und ich bin mir sicher: uns allen werden zu jedem dieser Bereiche unzählige Beispiele einfallen. Das kann nicht sein. Als Menschenrechtlerin verstehe ich Diskriminierung, also auch Rassismus, als eine Form von Gewalt. Diese Gewalt, die so viele Menschen erleben, muss endlich aufhören!

Zum Abschluss: Was ist deine Botschaft?

Mandy Abou Shoak: Wenn wir unseren Eltern, die sich für uns krank geschuftet haben, eine gute Altersvorsorge garantieren möchten, wenn wir unseren Kindern egal welchen Nachnamen oder welche Hautfarbe sie haben, bessere Chancen im Arbeits- oder im Wohnungsmarkt sichern möchten, wenn wir möchten, dass sich die Verhältnisse in den Unterkünften für Asylgesuchstellende, wo wir und unsere Freunde und Familie zeitweise gelebt haben, verbessern, dann müssen wir uns auf den Weg machen und uns an die den Tischen setzen, wo Entscheide darüber verhandelt und gefällt werden. Wir werden unsere Geschichten immer und immer wieder erzählen müssen. Viele werden uns sagen, dass sie uns nicht glauben, dass wir übertreiben. Sie werden versuchen uns das Gefühl zu geben, dass wir es sind, etwas falsch machen. Aber wir dürfen nicht damit aufhören unsere Geschichten zu erzählen. So lange, bis wir nicht mehr die einzigen sind, die diese Geschichten erzählen. Wir sind viele und wir werden für die Zukunft unserer Kinder und die Renten unserer Eltern kämpfen. Und damit nicht weiterhin ¼ der Bevölkerung von Wahlen und Abstimmungen ausgeschlossen werden, müssen wir uns Initiativen wie der Aktion Vierviertel anschliessen. Wir müssen uns engagieren, denn wenn wir es nicht tun, wird es niemand für uns tun. Am 12. Februar finden die Kantonsratswahlen in Zürich statt. Wenn du wahlberechtigt bist: Geh wählen und wähl SP! (oder mindestens links)😉


Mandy Abou Shoak, 1989, Co-Geschäftsführerin Gewaltprävention, Sozialarbeiterin
„Für Gleichheit durch Solidarität. Für Sicherheit durch Frieden. Für Freiheit durch den
Abbau von Barrieren.“ (Bild: zvg)

Am 12. Februar 2023 finden die Zürcher Kantonsratswahlen statt. Für die 180 Sitze kandidieren derzeit über 1’500 Personen. Mandy Abou Shoak ist eine davon. Inwiefern du die Einstellungen und Werte von Mandy oder – falls du nicht im Kreis 3/9 der Stadt Zürich wohnst – anderen Kandidierenden deines Wahlkreises teilst, findest du am einfachsten auf smartvote.ch heraus.

Leider wird schweizweit immer noch jede vierte Person, die hier lebt, von der politischen Teilhabe ausgeschlossen.An diejenigen, die wählen dürfen: Euer Wahlrecht ist ein Privileg. Nutzt es für eine positive gesellschaftliche Veränderung!