Liebe Schweiz, wir müssen miteinander reden!

Liebe Schweiz,

Du und ich – wir müssen reden!

Du bist ein wunderschöner Ort. Das ist jetzt natürlich nicht ganz objektiv, denn durch meine Verbindung zu dir, bin ich auch nicht ganz unvoreingenommen. Aber ich kann sagen, für mich bist du es wirklich. In dir ist seit jeher mein Zuhause und du löst in mir ein Gefühl von Vertrautheit, Familiarität und Sicherheit aus, wenn ich hier bin. Denn ich bin von hier. Ja, ich bi vo da. Jedoch werde ich seit bald drei Jahrzehnten regelmässig von manchmal mir bekannten, manchmal mir unbekannten, wildfremden Mitmenschen darauf angesprochen und öfters auch hingewiesen, dass dies in meinem Fall ja wohl nicht zutreffe (oder zutreffen kann/darf).

Sie sagen, ich sehe überhaupt nicht aus wie ein Schweizer, würde keinen Schweizer Namen tragen und sowieso zahlreiche Merkmale aufweisen, die es ihnen geradezu verunmöglichten, in mir einen Schweizer zu sehen. Meine Zugehörigkeit zur Schweiz wird demnach also immer wieder aufs Neue infrage gestellt oder mir schon im Vorhinein gänzlich abgesprochen. Ich höre wiederkehrend die Frage „Vo wo chunsch du?“, in der Regel gefolgt von „Nei, ich meine, vo wo chunsch du würkli?“, und muss mich für Attribute – Hautfarbe und Namen – erklären, die mir bei bzw. sogar bereits vor meiner Geburt im Universitätsspital Zürich zugewiesen wurden und auf die ich absolut keinen Einfluss hatte. Man stelle sich mal vor, man müsste sich immer wieder für seine Schuhgrösse, die Augenfarbe, oder dafür, dass man mit rechts bzw. links schreibt rechtfertigen.

Daraufhin höre ich von anderen solche Sätze wie „Ach komm, lass die doch sagen, was sie wollen.“ oder „Die meinen es gar nicht böse, sie sind einfach noch nicht so weit, das zu akzeptieren.“ oder „Du kannst ihnen ja beweisen, dass du ein Schweizer bist!“. Manchmal kommen auch Aussagen wie: „Sei doch stolz ein Afrikaner zu sein! Du kannst ihnen ja jetzt zeigen, dass gewisse Afrikaner auch gescheit und fleissig sind.“ Gut möglich, dass all diese zumeist wohl nicht sehr weit gedachten Äusserungen gut oder jedenfalls nicht böse gemeint sind. Doch sie treffen und verletzen mich ebenso. Und das nicht nur, weil sie häufig diffamierend und falsch sind.

Sie verharmlosen Rassismus und versuchen rassistisches Verhalten zu erklären oder gar zu legitimieren. Sie verlangen von mir, dass ich mich, meine eigene Wahrnehmung und meine Verletzbarkeit durch rassistische Übergriffe ändere oder am besten einfach lerne sie zu ignorieren. Sie wollen darüber bestimmen, wie ich mit einen Angriff auf meine Person umzugehen habe. Sie machen mich bzw. bestimmte meiner biologischen Merkmale für das Problem verantwortlich und ziehen noch nicht einmal in Erwägung, dass das eigentliche Problem in den Köpfen jener liegt, die meine Attribute zu einem Problem konstruiert haben. Sie führen mir somit stetig vor Augen, dass es nach wie vor extrem weit verbreitet ist und in etlichen Situationen auch weitgehend toleriert wird, Menschen in ihre vermeintlichen „Rassen“ einzuteilen, ihnen unüberwindbare „kulturelle und naturgegebene Differenzen“ zu unterstellen und ihnen unveränderbare – natürlich primär negative – Eigenschaften zuzuschreiben. Diese Kategorisierung (auch „Rassifizierung“ genannt) dient der Ideologie und dem Konstrukt des Rassismus als seine Grundlage. Dieser wurde ursprünglich eingeführt, um die Versklavung von Millionen afrikanischstämmiger Menschen, sowie später die Kolonisierung fast des gesamten Globus durch europäische Staaten zu rechtfertigen. Weil es sich bei den Unterdrückten ja nicht um gleichwertige Menschen (oder schlicht um „Tiere“) handelte, war es zulässig, sie zu behandeln wie immer man wollte, so lautete das menschenverachtende Argument. Auch die Kirche eilte ihnen dabei zur Hilfe und interpretierte einige Absätze in der Bibel so, dass die Unterwerfung von Menschen mit dunklerer Haut durch jene mit hellerer Haut als vertretbar, weil eben „gottgegeben“, betrachtet werden konnte.

Seit jener Zeit ist natürlich viel passiert. Zum einen ist es mittlerweile wissenschaftlich zweifelsfrei erwiesen, dass es keine verschiedenen „Menschenrassen“, sondern nur die eine „Rasse“ Mensch gibt. Unser aller Erbgut ist zu über 99% identisch und die Überreste der Skelette unserer ältesten gemeinsamen Vorfahren wurden in Ostafrika ausgegraben. Wir sind demnach alle gleich – oder eben gleich verschieden. Zum anderen haben (nahezu) alle Kolonien ihre Unabhängigkeit erlangt und in den Verfassungen und Gesetzbüchern der einstigen Kolonisatoren und ihren Verbündeten (=Schweiz) finden sich Artikel, die festhalten, dass die Würde jedes Menschen zu achten sei und niemand diskriminiert werden darf. Als Betroffener von Diskriminierung und Rassismus kann ich jedoch bestätigen, dass ich in meinem Alltag auch heute noch etwas anderes erlebe.

Unter dem Vorwand der Meinungsäusserungsfreiheit und mit dem Verweis auf „Tradition“ werden bestimmte Menschengruppen von Einzelnen, Gruppierungen, Verbänden und Organisationen öffentlich diskriminiert und rassistisch beleidigt. Und dies obwohl unsere Bundesverfassung klar regelt, dass niemand in seinen Grundrechten wie die Wahrung der Würde (Art. 7) und der Schutz vor Diskriminierung (Art. 8) verletzt werden darf. Immer wieder führt es zu Verurteilungen aufgrund von Verstössen gegen die Antirassismusstrafnorm, immer wieder aber auch nicht. Ich glaube nicht daran, dass Gesetze in einer Gesellschaft das Verhalten eines/einer Einzelnen bis ins letzte Detail regeln können, geschweige denn sollten. Aber ich finde es ist wichtig ein gesellschaftliches Verständnis dafür zu entwickeln, wo, wann und wie bestimmte Menschen(gruppen) diskriminiert werden, entsprechend einzuschreiten und Widerstand zu leisten, um dadurch eine Änderung und eine Verbesserung für die Situation von Betroffenen herbeizuführen. Auch wenn man persönlich nicht direkt davon betroffen ist. Für einen selber gilt es in einem solchen Moment für sich geklärt zu haben, in was für einer Gesellschaft man gerne leben möchte und welche Werte man selber vertritt. Rassistinnen und Rassisten sind vor allem dann stark, wenn sie von Leuten in einer Gesellschaft umgeben sind, wo sich niemand ihnen widersetzt und niemand ihr Verhalten offen anprangert oder öffentlich kritisiert.

Es ist diskriminierend, Wörter und Bezeichnungen mit einer kolonial-rassistischen Geschichte zu verwenden (z.B. N-Wort oder „Mohr“). Es ist diskriminierend, Darstellungen und Bilder voller abwertenden Klischees zu gebrauchen (z.B. an der Fasnacht, in der Werbung, in Serien & Filmen, auf der Bühne). Es ist diskriminierend, jemanden einzig und alleine aufgrund seiner/ihrer äusseren Erscheinung (z.B. Hautfarbe) oder der ethnischen Abstammung zu benachteiligen oder schlechter zu behandeln (z.B. bei der Job- oder Wohnungssuche, im Restaurant, beim Clubeinlass). Es ist diskriminierend, jemanden wegen eines für einen womöglich „fremd“ klingenden Namens auszugrenzen oder sich zu weigern den Namen zu lernen und korrekt auszusprechen. Es ist diskriminierend, Menschen zu stereotypisieren oder stigmatisieren und ihnen dadurch gleiche Chancen zu verwehren (z.B. in der Arbeitswelt, in der Ausbildung). Es ist diskriminierend, jemanden anlässlich irgendeines Merkmals einer Gruppe zuzuordnen und zu behaupten, dass alle Mitglieder über die identischen, unveränderbaren Eigenschaften und Charakterzüge verfügten, sowie das gleiche, wohlgemerkt verminderte Leistungspotential aufweisen würden.

All dies ist für zahlreiche Betroffene nach wie vor Alltag – auch in der Schweiz. So werden wir regelmässig nicht als Individuen, sondern nur als Zugehörige einer bestimmten, konstruierten Gruppe wahrgenommen, wodurch uns die Einzigartigkeit als Mensch abgesprochen wird und das Persönliche einer durch Fremde festgeschriebenen „Identität“ von einer angeblich homogenen Gemeinschaft weichen muss.

Über all die Jahre kommt man deshalb nicht drumherum, eine Bewältigungsstrategie für sich selber zu entwickeln. Und doch gibt es, so glaube ich, kein wundersames Heilmittel, das einem von einer Diskriminierung gänzlich bewahren kann. Der Umgang mit solchen Situationen ist wohl so unterschiedlich, wie die betroffenen Menschen selbst. Doch das Gefühl, welches Diskriminierung und Rassismus in einem auslöst, ist sehr oft ähnlich schmerzvoll und verletzend, aber auch Ohnmacht und Wut erregend. Mal abgesehen von gewalttätigen Angriffen, wird dieses Gefühl von den Betroffenen nicht direkt physisch bzw. äusserlich wahrgenommen. Vielmehr sticht es im Herz und in der Brust. Der Bauch zieht sich fest zusammen, weil man zugleich sowohl Trauer, wie auch Wut oder Frust verspürt. Manchmal quält man sich noch Tage oder gar Wochen später damit herum. Manches vergisst man nie. Man wünscht sich, besser reagiert zu haben, schlagfertig zu kontern und sich zu wehren. Man nimmt sich fest vor, dies das nächste Mal auch wirklich zu tun. Man hofft, dass man mit dem Schmerz nicht alleine gelassen wird und Nicht-Involvierte, statt zu schweigen, zur Hilfe eilten und die Respektlosigkeit in aller Form verurteilen würden. Insgeheim hofft man auch, dass es gar kein nächstes Mal mehr gibt und es sich beim letzten Mal um das allerletzte Mal überhaupt handelte. Doch diese Hoffnung ist klein. Sehr klein. Denn hierfür müsste sich zuerst etwas verändern.

Einzig auf Veränderung zu hoffen, hat noch nie einen Wandel mit sich gebracht. Eine Änderung geht stets mit Austausch, Arbeit und der Aussprache der Kritik am Status quo einher. Die Aussprache bezieht sich in diesem Fall auf die konsequente Benennung und Verurteilung von Rassismus und Diskriminierung in der Schweiz. Negative Vorurteile gegenüber „anderen“ sind aktuell weiterhin in grosser Zahl beständig und werden mit jeder Äusserung weiter befeuert und in den Köpfen der Attackierenden, wie auch der Attackierten zementiert. Der teilweise irrtümlich für rechtsfrei und anonym gehaltene Raum Internet wird von Rassistinnen und Rassisten zunehmend für Beleidigungen, Hass, Hetze und Einschüchterung, sowie für die Verbreitung ihrer menschenfeindlichen Ideologie verwendet. Dadurch, dass unter ihnen auch Mitglieder und gewählte Abgeordnete von politischen Parteien sind, wurde Rassismus in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren zunehmend wieder salonfähig gemacht. Nicht-Betroffene müssen lernen zu verstehen, dass Rassismus nicht erst bei selbst bekennenden Rechtsextremen anfängt. Denn Diskriminierung und Rassismus sind eine gesamtgesellschaftliche Erscheinung und beruhen auf einem etablierten System, für das (global) ein Common Sense geschaffen wurde. Unser aller Weltbild wird von strukturellen Verhältnissen und internalisierten („antrainierten“) Ab- und Ausgrenzungsmechanismen bestimmt. Sowohl jenes der Belasteten, als auch das der Privilegierten. Die Bekämpfung, die Überwindung und schliesslich die Dekonstruktion dieses Konstrukts liegt somit in der Verantwortung von jeder und jedem in unserer Gesellschaft.

Es ist mir wichtig zu betonen, dass heute bereits vieles gut läuft in der Schweiz. Vieles aber leider auch nicht. Dementsprechend gilt, sich für die Verbesserung von Letzterem stark zu machen!

Wir sollten endlich anfangen, statt ständig verbissen nach Unterschieden zu suchen, Freu(n)de bringende Gemeinsamkeiten zu finden. Dies kommt uns letzten Endes allen zugute und wir ebnen dadurch den Weg für eine Zukunft in einer gemeinsamen Schweiz.

Dembah Fofanah (28) lebt und arbeitet als Projektleiter in Zürich. Er ist Gründer des Kollektiv Vo da. und koordiniert die verschiedenen Initiativen für die Benennung von Diskriminierung und Rassismus in der Schweiz.