Medienmitteilung: Bald ist Schluss mit Rassismus im Dörfli!

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Die Stadt hört auf seine Bevölkerung und handelt: Auf Zürichs Wänden soll künftig niemand mehr rassistisch diskriminiert werden

Der Zürcher Stadtrat hat heute verkündet, dass koloniale und rassistische Zeichen im Stadtraum entfernt oder kontextualisiert werden. Dieser Entscheid bedeutet, dass den seit Januar 2020 mehrfach durch das „Kollektiv Vo da.“ geäusserten Forderungen betreffend die Entfernung von drei rassistischen Häusernamen und einem rassistischen Wandbild im Niederdorf sowie die Erarbeitung einer Lösung für den Umgang mit sämtlichen Liegenschaften in der Stadt Zürich, die derzeit noch einen rassistischen Namen tragen oder eine rassistische Darstellung zieren, nachgekommen wird.

Das Anliegen des „Kollektiv Vo da.“ erfuhr aufgrund eines offenen Briefes an das Amt für Städtebau Anfang Mai 2020 insbesondere auf Social Media viel Zuspruch. Das Erstarken der Black Lives Matter-Bewegung und die globalen sowie auch schweizweit zahlreichen Demonstrationen gegen Rassismus letzten Sommer förderten u.a. die Auseinandersetzung mit Anti-Schwarzem-Rassismus und den Verstrickungen der Schweiz in Kolonialismus und Versklavung und ihrer Rolle als Profiteurin. Dennoch verblieb die Stadtverwaltung bis dahin auf ihrem Standpunkt, dass sie die Umbenennung von Häusern als kein taugliches Mittel zur Bekämpfung von Rassismus erachte. Diese Haltung änderte sich, als ein weiterer offener Brief des Kollektivs und rund hundert ähnliche Zuschriften aus dessen Community die Stadtpräsidentin Corine Mauch erreichten. Auf ihren Vorschlag hin wurde schliesslich im Juli 2020 vom Stadtrat die Projektgruppe RiöR (Rassismus im öffentlichen Raum) eingesetzt. „Wir waren damals erfreut, dass sich nach unserem dritten Anlauf bei der Stadtverwaltung endlich etwas tat. Allerdings war es für uns unverständlich, weshalb das Thema bei der Abteilung ‚Integrationsförderung‚ angesiedelt wurde, da es sich bei uns Initiant*innen und den Menschen aus unserer Community vorwiegend um in der Schweiz geborene oder seit früher Kindheit hier lebende Personen – eben Menschen, die vo da sind und sich vo da fühlen – handelt.“, so Dembah Fofanah, Co-Initiant des „Kollektiv Vo da.“ und verantwortlich für dessen Projektleitung. Dass beispielsweise viele Schwarze Schweizer*innen regelmässig von Mitmenschen für ihre gelungene Integration oder ihre lokalen Sprachkenntnisse gelobt werden, gehört mitunter zum Teil des Problems „Rassismus“ und macht dadurch deutlich sichtbar, dass nach wie vor bei weiten Teilen der Bevölkerung ein veraltetes und falsches Bild davon existiert, wie Schweizer*innen äusserlich angeblich per se aussehen. Genau diese unhinterfragte Norm gilt es jedoch aktiv zu hinterfragen, wodurch gemeinsam ein Weg zu einer diskriminierungsfreieren und rassismuskritischen Schweiz geebnet werden kann.

Das „Kollektiv Vo da.“ und mehrere antirassistische Organisationen kritisierten deshalb zum einen die Einbettung des Themas bei der städtischen Integrationsförderung und zum anderen auch den Nichteinbezug von Menschen mit eigener Anti-Schwarzen-Rassimuserfahrung in die verwaltungsinterne Projektgruppe, weil hierdurch die Direktbetroffenen-Perspektive leider nicht umfassend berücksichtigt wurde. Das Kollektiv bot daraufhin den Mitgliedern der PG RiöR an, in mehreren Gesprächen einzelne jener Perspektiven zumindest indirekt in ihren Empfehlungsbericht zum Umgang mit Rassismus im Stadtraum einfliessen zu lassen, was von einigen von ihnen dankend und mit Interesse angenommen wurde.

Aus dem ebenfalls heute veröffentlichten Bericht der Projektgruppe geht hervor, dass Bezeichnungen und Darstellungen, deren Rassismusbezug offensichtlich ist, durch die Stadt Zürich entfernt werden sollen. Dazu gehören alle drei vom „Kollektiv Vo da.“ thematisierten Häusernamen im Niederdorf an den Adressen Neumarkt 22, Niederdorfstrasse 29 und Predigergasse 15. Im Zuge der Recherche wurden mindestens vier weitere Häuser mit ähnlichen oder identischen Namen/Inschriften bekannt. Auch hier verspricht die Stadt in ihrer heutigen Medienmitteilung zu handeln, was bedeutet, dass sie bei den Liegenschaften in städtischem Besitz die Entfernungen der rassistischen Namen/Inschriften noch dieses Jahr veranlassen wird. Bei Häusern in Privatbesitz, wie u.a jenes mit dem rassistischen Wandbild, will die Stadt aktiv auf die Eigentümer*innen zugehen und diese für ihre Mithilfe bei der Entfernung rassistischer Bezeichnungen und Darstellungen an den Hausfassaden ihrer Liegenschaften sensibilisieren und damit dem öffentlichen Interesse zu folgen sowie mit dem städtischen Vorgehen gleichzuziehen.

Das „Kollektiv Vo da.“ schreibt auf seinen Social-Media-Kanälen heute: „Diese Meldung der Stadt Zürich ist für uns ein Meilenstein und gleichzeitig ein weiterer kleiner, jedoch wichtiger Schritt in der Dekonstruktion des ausschliesslich für die Abwertung und damit die Unterdrückung anderer Menschen erfundenen Konstrukts ‚Rassismus‘. Seit der Einführung dieses willkürlich hierarchisierenden Systems üben Benachteiligte sowie auch immer mehr Privilegierte öffentlich vehement Kritik daran. Dadurch, dass in der Stadt Zürich bald keine rassistischen Bezeichnungen und Darstellungen sichtbar sein werden, wird die Achtung der Menschenwürde von Rassismusbetroffenen in dieser Hinsicht künftig sichergestellt. Zugleich setzt Zürich ein wichtiges Zeichen, indem die Stadt gemäss eigener Aussage erstmals überhaupt problematische Hausnamen entfernt, was als Präzedenzfall wirken kann. Eine kurze Recherche unsererseits hat nämlich ergeben, dass es u.a. in Bern, Winterthur, St. Gallen, Baden und Schaffhausen Liegenschaften mit identischen oder ähnlichen Namen/Inschriften und Darstellungen gibt. Wir rufen diese Städte und die Gemeinden der Schweiz dazu auf, aktiv zu werden und einen allfälligen Rassismusbezug in ihrem öffentlichen Raum zu überprüfen. Denn Rassismus geht uns alle etwas an und es braucht sehr viele, die etwas unternehmen, damit sich die rassistischen Strukturen in der Gesellschaft hin zu mehr Chancengerechtigkeit verändern können. Ebenfalls ein Zeichen zu setzen, wäre mal ein guter Anfang.“

Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass die Auseinandersetzung mit historisch belasteten Zeichen, wie u.a. Strassennamen (z.B. in Berlin), Namen von öffentlichen Plätzen (z.B. in Neuchâtel) und Denkmälern (auch z.B. in Neuchâtel) sowie der Kampf gegen Rassismus im Allgemeinen seit mehreren Jahren, Jahrzehnten oder gar seit Jahrhunderten andauert. Das „Kollektiv Vo da.“ und seine Community anerkennt und würdigt, dass sie mit ihrem Engagement sinnbildlich auf den Schultern all jener stehen, die vor ihnen da waren und die bei ihrer aktivistischen Arbeit für mehr Gerechtigkeit strukturell immer wieder gehindert, bedroht und angegriffen wurden und teilweise gar mit ihrem Leben dafür bezahlt haben. Ohne ihren Mut und ihre Vorarbeit wäre unser Einsatz nicht möglich und der heutige Schritt in Richtung eine diskriminierungsfreiere und rassismuskritische Gesellschaft wäre undenkbar gewesen.

Informationen & Auskunft:

Unsere Artikel zum Fall „Rassismus im Dörfli“:

Rassistische Häusernamen im Zürcher „Dörfli“
– 06. Mai 2020
Stadt Zürich sagt, Rassismus im „Dörfli“ ist offensichtlich – sieht aber keinen Grund etwas zu ändern
– 05. Juni 2020
Zürich und die Sklaverei: Wie geht „angemessen“ gedenken?
– 06. Oktober 2020

Spezifische Fragen, die sich nicht mit Hilfe der Beiträge auf dieser Website oder den Social-Media-Kanälen (@mirsindvoda) beantworten lassen, können an hey@mirsindvoda.ch geschickt werden. Weil alle Mitglieder des Kollektivs ehrenamtlich tätig sind, werden teilweise die Ressourcen und Kapazitäten fehlen, um allen Anfragen umgehend nachzukommen. Besten Dank für das Verständnis!

Zur offiziellen Medienmitteilung der Stadt Zürich vom 08. April 2021 (inkl. Link zu den Bildern der genannten Liegenschaften)

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