Rassismusbericht 2020: Nachgefragt bei humanrights.ch

Die Organisation humanrights.ch mit Sitz in Bern steht für die Menschenrechte ein. Dies beinhaltet das Informieren, das Beraten und das Stärken derjenigen Menschen, die sich für ihre eigenen Rechte und für die Rechte anderer einsetzen – ob in der Öffentlichkeit, in der Politik, in der Justiz, in Organisationen und Bewegungen oder in der Bildung. Auf ihrer Website hält die Organisation ihre Vision, die zugleich auch dem Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 entspricht, fest:

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Jeder Mensch hat deshalb ein Recht auf Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung. Diskriminierung und Rassismus sind allerdings tief in unserer Gesellschaft und in ihren Strukturen verankert. Mit dem jährlichen Rassismusbericht, den humanrights.ch in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR herausgibt, wird dazu beigetragen, dass das Thema auf der politischen Agenda bleibt. Gemeinsam mit der vom Bundesrat eingesetzten ausserparlamentarischen Kommission leitet die NGO (Nichtregierungsorganisation) humanrights.ch auch das „Beratungsnetz für Rassismusopfer„. Ziel dieses Netzes ist es u.a. den Diskriminierungsschutz in der Schweiz zu stärken. Der neuste Bericht Rassismusvorfälle aus der Beratungsarbeit 2020 ist soeben erschienen. Aus diesem Anlass führten wir ein Gespräch mit Gina Vega, die neben der redaktionellen Leitung auch für die Analyse- und Koordinationsarbeit des diesjährigen Berichts zuständig war.

Gina Vega arbeitet als Leiterin Fachstelle Diskriminierung und Rassismus und „Beratungsnetz für Rassismusopfer“ bei humanrights.ch.

Kollektiv Vo da.: Seit 2009 erstellt humanrights.ch in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR einen jährlichen Auswertungsbericht über „Rassismusvorfälle aus der Beratungsarbeit“. Welchen Zweck hat diese Analyse und welches Ziel verfolgt ihr damit?

Gina Vega (humanrights.ch): Mit dem Auswertungsbericht möchten wir die Systematik von Rassismus in der Schweiz aufzeigen. Denn die Vielfalt der Erfahrungen und der Menschen, die davon betroffen sind, ist sehr gross. Durch den Bericht wird erkennbar, dass Rassismus und rassistische Diskriminierung in allen Lebensbereichen und in unterschiedlichen Kontexten auftreten. Es sind nicht nur die Alltagsrassismen, wie rassistische Beschimpfungen, Erniedrigungen, rassistische Sprache oder Bilder, unter denen Betroffene leiden. Rassismus ist auch strukturell und institutionell und drückt sich etwa in Racial Profiling oder im erschwerten Zugang zu Arbeit, Bildung oder Wohnen aus. All dies wirkt sich negativ auf die Lebensqualität von Betroffenen aus.
Weiter ist die Auswertung von rassistisch motivierten Vorfällen wichtig, um einen besseren Schutz für Betroffene zu erlangen und die Dienstleistungen für sie zu verbessern. Obwohl wir nur einen Teil der Realität des Rassismus in der Schweiz aufzeigen können – da viele Fälle nicht gemeldet werden –, ist der Bericht eine vertrauenswürdige Monitoringquelle. Mit dem Bericht machen wir auf das Thema Rassismus bei den staatlichen Behörden, bei unterschiedlichen Institutionen und Organisationen und in der Öffentlichkeit aufmerksam. Indem wir Rassismus sichtbar machen kann er besser bekämpft werden.

Rassismus ist stark mit der Vergangenheit verknüpft und zugleich auch nach wie vor fest in den Strukturen unserer Gesellschaft verankert. Was für Entwicklungen konntet ihr hier dank eures heute veröffentlichten Berichts zum Jahr 2020, das ja von der Corona-Pandemie geprägt war, feststellen?

Gina Vega: Die Zahlen des Berichts zeigen, dass Rassismus – wie das Virus – keinen Halt macht. So waren mehrheitlich Fremdzuschreibungen, Stereotypen und Vorurteile ausschlaggebend für eine Diskriminierung. Die meisten dokumentierten Vorfälle in 2020 traten dort auf, wo das gesellschaftliche Leben in der Pandemie stattfand: zwischen der Arbeit und der Wohnumgebung. Diese betrafen am meisten Menschen mit einer zugeschriebenen nicht-schweizerischen Herkunft, Schwarze Menschen, PoCs und Menschen muslimischen Glaubens. Rassismus in der Wohnumgebung zu erleben, dem Ort wo man sich am wohlsten und sichersten fühlen sollte, ist für Betroffene besonders belastend. Insgesamt wurde in jeden vierten Fall eine Mehrfachdiskriminierung festgestellt, am meisten aufgrund des Rechtsstatus, des Geschlechts und der sozialen Stellung. Dies zeigt, dass sich die gesellschaftlichen Ungleichheiten in Krisenzeiten verstärken.
Neben dem Arbeitsplatz und der Nachbarschaft wurden auch häufig Rassismusvorfälle im öffentlichen Raum, bei Behördenroutinen und im Internet gemeldet. Die Entwicklungen bei den Meldungen von Rassismus und Hass im Netz sind besorgniserregend. So wurden stark rassistische Stereotypen und Verschwörungstheorien in den Kommentarspalten von Online-Medien, in Social Media und Blogs verbreitet. Menschen wurden aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Status herabgesetzt, sie wurden unter Generalverdacht gestellt oder als Sündenbock benutzt.
Die Corona-Pandemie war aber nicht das einzige Ereignis, dass das Jahr 2020 geprägt hat. Die Black Lives Matter-Bewegung und die von ihr ausgelöste Rassismusdebatte hatte auch einen Einfluss auf die Zahlen im Rassismusbericht. Das Beratungsnetz registrierte 131 Meldungen mehr als im Vorjahr. Dies zeigt eine erhöhte Sensibilität für das Thema und dass es zunehmend ein Anliegen ist Diskriminierungserfahrungen zu melden. 

Wo kann ich mich melden, wenn ich eine Situation erleben musste, in der ich rassistisch diskriminiert wurde und wie werden die Vorfälle von euch erfasst?

Gina Vega: Mittlerweile gibt es in fast jedem Kanton spezialisierte Beratungsangebote für Betroffene von Rassismus und rassistischer Diskriminierung. Unter network-racism.ch sind alle 23 Beratungsstellen aufgelistet, die ans Beratungsnetz für Rassismusopfer angeschlossen sind. Das Hauptziel des Beratungsnetzes ist es, die Qualität der Arbeit der Beratungsstellen durch Vernetzung und Weiterbildung zu stärken und ein fundiertes Monitoring rassistischer Diskriminierung zur Verfügung zu stellen. Die Beratungsstellen bieten für Betroffene Auskunft, psychosoziale Beratung und Rechtsberatung an und erarbeiten zusammen mit den Betroffenen weitere Schritte, um gegen die Diskriminierung vorzugehen.
Die gemeldeten Fälle, werden bei unserem Dokumentations-System Rassismus (DoSyRa) registriert. Im DoSyRa haben wir unterschiedliche Kategorien, um ein Fall zu erfassen und in anonymisierter Form für die Auswertung zu beschreiben. Ab 2020 haben wir die Erfassungssystem und die Auswertung der Fälle aktualisiert und angepasst, so dass der Bericht vollständiger und transparenter erscheint.

Was kann ich tun, wenn ich Zeug*in einer rassistischen Situation werde?

Gina Vega: Wenn man Zeug*in einer solchen Situation ist, ist es wichtig, der betroffenen Person Hilfe anzubieten, Beistand zu leisten, so dass die betroffene Person weiss, dass sie nicht alleine ist und nach Möglichkeiten intervenieren. Nachdem die Situation vorbei ist, fertigst du am besten ein Gedächtnis-Protokoll mit den Eckdaten des Vorfalls an. Anschliessend kannst du mit der betroffenen Person zusammen oder alleine den Fall bei einer Beratungsstelle melden. Ich finde es sehr wichtig, dass Nicht-Direkt-Betroffene Verbündete werden. Rassismus lebt immer weiter, wenn die Menschen schweigen und nichts dagegen tun.

Mit welchen Schwierigkeiten habt ihr bei eurer Beratungsarbeit sowie beim Erstellen des jährlichen Berichts zu kämpfen?

Gina Vega: Prinzipiell ist es für uns ein grosses Anliegen, dass die nachhaltige Finanzierung von Beratungsangeboten und von antirassistischen Projekten und Initiativen gesichert wird. Obwohl der Zugang zur Beratung für Betroffenen sehr wichtig ist, müssen Beratungsstellen immer wieder um ihre Legitimation und ihre Ressourcen kämpfen. Es braucht daher die Bereitstellung von finanziellen Mitteln, politisches Engagement und die Anerkennung der zivilgesellschaftlichen Antirassismus-Arbeit.

Was braucht es, damit die Aussagekraft von des jährlichen Berichts noch mehr gesteigert werden kann?

Gina Vega: Wie ich es vorher erwähnt habe, der Bericht erfasst nur die Fälle, die bei den Beratungsstellen des Beratungsnetzes gemeldet werden, die berühmte Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer der rassistischen Vorfälle ist leider immer noch sehr hoch. Oft kennen Betroffene Beratungsangeboten nicht oder es fehlt ihnen an Vertrauen in ihre Arbeit. Es kostet aber auch viel Überwindung und Aufwand Rassismus anzusprechen bzw. zu melden. Trotzdem finde ich es aber sehr wichtig, dass Betroffene den Schritt wagen, die Fälle zu melden und eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Wir sind mit unserer Rassismuserfahrungen nicht alleine und wir haben Rechte – auch wenn die Antirassimusstrafnorm lückenhaft ist. Wir haben die Möglichkeit Täter*innen zur Rechenschaft zu ziehen und Veränderungen zu fordern. Ausserdem wird das wirkliche Ausmass von Rassismus in der Gesellschaft nur aufgedeckt, wenn rassistische Vorfälle gemeldet werden. Nur durch die fortlaufende Dokumentation der Fälle können Probleme wie struktureller und institutioneller Rassismus auch in Zukunft sichtbar gemacht werden.

In einem von humanrights.ch produzierten Video gibt Gina Vega weitere Anmerkungen und Ausführungen zum diesjährigen Bericht. Ihr findet das Video hier (et en français).

Der Bericht „Rassismusvorfälle aus der Beratungsarbeit 2020“ kann hier heruntergeladen werden. Eine Übersicht aller bisherigen Berichte sowie eine Adressliste aller 23 Mitgliederstellen des Beratungsnetze findet sich auf www.network-racism.ch.

Wir können euch zudem einen Besuch auf der Informationsplattform von humanrights.ch sehr empfehlen. Darauf ist eine Vielzahl an lehrreichen Inhalten über Menschenrechte und das aktuelle Geschehen in der Schweiz aus menschenrechtlicher Perspektive zu finden.