Rassistische Häusernamen im Zürcher „Dörfli“

Triggerwarnung (Was ist das?)

In der Stadt Zürich stösst man auch heute noch auf kolonial-rassistische Überbleibsel oder sogar auf solche, die erst zu einem späteren Zeitpunkt eingeführt wurden. Drei Beispiele befinden sich in der Zürcher Altstadt – dem „Dörfli“.

Zum einen begegnet man beim Haus am Neumarkt 22 einem rassistischen Wandbild (siehe Foto oben), wo zugleich auch der offizielle Name der Liegenschaft vermerkt ist – „Zum kleinen Mohren“. Einige Schritte weiter an der Predigergasse 15, findet sich ein Hinweisschild mit dem Namen jenes Hauses: „Zum kleinen Mohrenkopf“. Und schliesslich, nur wenige weitere Gehminuten entfernt, steht das Haus an der Niederdorfstrasse 31. Sein offizieller Name: „Zum Mohrentanz“. Am selben Ort befindet sich das „Café Mohrenkopf“. Der Name sei angelehnt an jenen der Liegenschaft und das Café trägt ihn seit seiner Eröffnung im Jahr 1981 (und somit viele Jahre nach der Kolonisierung Afrikas…).

Bild: Haus „Zum Mohrentanz“ & „Café Mohrenkopf“, Niederdorfstrasse 31, 8001 Zürich (©Kollektiv Vo da.)

Im Dezember 2019 startete die Stadt, als Eigentümerin des Hauses und somit Vermieterin der Gewerbefläche, bei der Suche nach einem/einer neuen Pächter*in den Anlauf, den rassistischen Namen (endlich!) zu ändern.

Denn wir finden: Wieso genau muss ein Lokal in einem Land, in dem alle Bewohner*innen laut Verfassung die gleichen Rechte haben und niemand diskriminiert und in seiner/ihrer Würde verletzt werden darf, einen Namen mit rassistischer Bedeutung tragen?

Die Beibehaltung solcher Relikte aus der menschenverachtenden Kolonialzeit führt unweigerlich zu einer Verharmlosung und Legitimierung von Diskriminierung und rassistischem Gedankengut in einer Gesellschaft. Dies sollte insbesondere von einer Behörde von einer diversen Stadt wie Zürich nicht auch noch zusätzlich unterstützt werden!

Eine kurze Geschichtsstunde dazu:

Die Autorinnen des Buchs „Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache.“, das als Lexikon für deutsche Wörter mit Kolonialismus- und Rassismusbezug gilt, schreiben:

„Mohr“ ist die älteste deutsche Bezeichnung mit der Weisse Schwarze Menschen als anders konstruiert haben. Der Begriff wurde aus anderen europäischen Kontexten übersetzt, und geht etymologisch sowohl zurück auf das griechische „moros“, das „töricht“ , „einfältig“, „dumm“ und auch „gottlos“ bedeutet, als auch auf das lateinische „maurus“, welches für „schwarz“, „dunkel“ bzw. „afrikanisch“ steht. Daraus wurde althochdeutsch „mor“ und schliesslich „Mohr“ abgeleitet. […] Von Anfang an war der Begriff „Mohr“ negativ konnotiert. […] Er transportiert noch immer eine ikonische Erinnerung an Versklavung und Kolonialismus – und dies einzig aus der Perspektive jener, die Menschen versklavten, sie zu Ware degradierten und „Handel“ mit ihnen trieben. […] Die Bezeichnung „Mohr“ ist deshalb vollkommen verzichtbar. […] Nach Meinung der Autorinnen sollte der Begriff ersatzlos gestrichen werden, weil es paradox wäre, für einen rassistischen Begriff Ersatz zu suchen. Um zu funktionieren, benötigt jeder Ersatz das Wissen um ein „vermiedenes“ rassistisches Konzept und müsste es zwangsläufig reproduzieren. Folglich ist ein Begriff, den Weisse für die Bezeichnung Schwarzer Menschen zur Inszenierung ihrer vermeintlichen Überlegenheit verwenden, absolut entbehrlich.

Die Stadt scheint dies mittlerweile verstanden zu haben und schrieb in ihrem Inserat auf Homegate (mittlerweile nicht mehr verfügbar) über den derzeitigen Namen des Cafés: „Aber soll und darf man ihn heute noch verwenden? […] Für Liegenschaften Stadt Zürich ist die Neuausschreibung der richtige Zeitpunkt, um mit einem neuen Namen in die Zukunft zu starten. […] Bewerbende sind gebeten, Vorschläge zu unterbreiten.“ Diese Erkenntnis und die Positionierung ist erfreulich und begrüssen wir sehr!

Jedoch erschliesst sich uns nicht, weshalb man, nachdem man nun endlich eingesehen hat, dass der Name bestimmte Menschen rassistisch beleidigt, herabwürdigt und verletzt, am offiziellen Namen der Liegenschaft – „Zum Mohrentanz“ – sowie an den anderen rassistischen Häusernamen und an dem rassistischen Wandbild festhält.

Ein Schreiben an Stadtrat Daniel Leupi, der in seiner Funktion als Vorsteher des Finanzdepartements auch für die Abteilung Liegenschaften verantwortlich ist, wurde ohne Einsicht für die Verantwortung der Stadt und die Signalwirkung und die wichtige Positionierung in dieser Angelegenheit beantwortet. Wir wurden jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass das Amt für Städtebau „zurzeit Überlegungen anstellt“, wie mit „aus heutiger Sicht fragwürdigen Namen“ von Gebäuden in der Stadt Zürich „umgegangen werden soll“.

Wir fordern deshalb in einem Offenen Brief an das Amt für Städtebau der Stadt Zürich:

  • Die Entfernung des kolonial-rassistischen Bilds an der Hauswand der Liegenschaft am Neumarkt 22, 8001 Zürich, sowie eine offizielle Änderung des derzeitigen rassistischen Namens „Zum kleinen Mohren“.
  • Die offizielle Änderung des derzeitigen rassistischen Namens „Zum kleinen Mohrenkopf“ der Liegenschaft an der Predigergasse 15, 8001 Zürich.
  • Die offizielle Änderung des derzeitigen rassistischen Namens „Zum Mohrentanz“ der Liegenschaft an der Niederdorfstrasse 31, 8001 Zürich.
  • Die Erarbeitung einer Lösung für den Umgang mit sämtlichen Liegenschaften in der Stadt Zürich, die derzeit noch einen diskriminierenden und/oder rassistischen Namen tragen.

Natürlich erahnen wir, mit welchen Argumenten jetzt gewisse Kritiker*innen auffahren werden. Denn es sind die gleichen, wie in jeder Diskussion über rassistische Begriffe, Darstellungen und Symbole.

„Das hat schon immer so geheissen und niemand hat sich je daran gestört.“

„Das ist Tradition und ja gar nicht böse gemeint.“

„Habt ihr denn nichts Besseres zu tun?!“

Dazu unsere Kurzantworten:

_An den rassistischen Bezeichnungen haben sich bereits die Sklaven auf den amerikanischen Plantagen und bestimmt auch jene Menschen, die für sogenannte „Völkerschauen“ in die Schweiz (ja, es gab z.B. ein „N*gerdörfli“ im Letzigrund) geholt wurden, gestört. Nur haben sie sich kaum gewagt, sich dagegen aufzulehnen und deren Abschaffung zu fordern, da sie sonst bestraft oder einfach getötet wurden, weil sie keine Rechte hatten. Und auch wir, insbesondere diejenigen mit dunklerer Hautfarbe, fühlen uns seit jeher von diesen Wörtern und Illustrationen diskriminiert, da sie uns von Anfang an negative, primitive Eigenschaften zuschreiben, uns als minderwertig betrachten und in uns keine Individuen sehen.

_Nicht böse oder auch gut gemeint sind manchmal leider das Gegenteil von gut. Den Betroffenen bringt es nämlich sehr wenig, wenn sie dadurch trotzdem abgewertet und in ihrer Würde verletzt werden. Aber hauptsach „Tradition“, gäll?

_Wir hätten gewiss gerne etwas anderes zu tun, aber Rassismuskritik ist kein Hobby oder Zeitvertreib. Wir und viele andere werden regelmässig und immer unfreiwillig mit Rassismus und Diskriminierung gegenüber „anderen“ in der Form von Ungleichbehandlung, Benachteiligung, Ausgrenzung, Stigmatisierung, Abwertung und verbalen oder gar physischen Angriffen konfrontiert. Im Alltag von vielen Bewohner*innen der Schweiz ist Diskriminierung und Rassismus nach wie vor anzutreffen. Solange das so ist, haben wir leider(!) „nichts Besseres zu tun“.

Du teilst unser Anliegen und möchtest dieses unterstützen? Mach dein Umfeld auf die Situation aufmerksam und lasst das Amt für Städtebau wissen, dass ihr auch die sofortige Umbenennung von Häusern mit rassistischen Namen, sowie die Entfernung des rassistischen Wandbilds fordert.