„Völkerschauen“ in der Schweiz

Triggerwarnung (Was ist das?)

Um den gegenwärtigen Rassismus zu verstehen, bedingt es auch einen Blick in dessen Vergangenheit.

Es gibt Ereignisse in der Geschichte der Schweiz, die hört jedes Kind während seiner Schulzeit hier bestimmt einige Dutzend Mal. Es gibt aber auch Geschehnisse in der Vergangenheit, die kaum bis nie thematisiert werden, obwohl sie durchaus von Bedeutung waren bzw. durch ihre gesellschaftlichen Auswirkungen immer noch sind. Zu jenen Ereignissen, die im Schweizer Schulunterricht tendenziell ausgelassen werden, gehören u.a. die sogenannten „Völkerschauen“ – heute auch Menschenzoos genannt. Im Zeitraum von 1835 bis 1964 wurden regelmässig „aussereuropäische“ Menschen entweder in fixen oder mobilen Zoos – etwa im Zoo Zürich, im Zoo Basel und auf der Letziwiese (heute das Stadion Letzigrund) in der Schweiz ausgestellt. Auch der Zirkus war häufig Schauplatz solcher Veranstaltungen. Der Schweizer National-Circus Knie präsentierte noch bis vor 56 Jahren diverse „Völkerschauen“.

Bild: Plakat „Völkerschau“ im Zoo Basel (Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt)

Anmerkung: Zwischen 1879 und 1935 fanden im Basler Zoo insgesamt 21 „Völkerschauen“ statt. Obwohl die dadurch generierten Einkünfte zeitweise einen Drittel des Jahresumsatzes betrugen, erwähnt der Zoo auf seiner Website diesen Teil seiner Geschichte mit keinem Wort. Gewürdigt wird dort aber Carl Hagenbeck jun., der für seine revolutionäre Zooarchitektur bekannt ist. Sein Wirken als einer der weltweiten Vorreiter der „Völkerschau“-Organisatoren bleibt hingegen unerwähnt.

Insgesamt wurden schweizweit mehr als 500 „Truppen“, die mit Namen, wie z.B. „Die Wilden von den Feuerlandinseln“, „Die Kannibalen aus der Südsee“, „Lippen-*N-Wort*innen aus Central-Afrika“ und „*N-Wort*dorf aus dem Senegal. Hundert Eingeborene, Männer, Frauen & Kinder“, angepriesen wurden, dem Schweizer Publikum präsentiert.

Die Veranstalter tourten mit „ihren“ Gruppen durch ganz Europa und blieben deshalb meist nur wenige Wochen an einem Ort. In Zürich sind insgesamt 91 „Völkerschauen“ dokumentiert – 72 in Bern, 55 in Basel und 12 in Glarus. Die ausgestellten Menschen mussten meist unter prekären Bedingungen leben, ohne passende warme Kleidung und ausgewogener Ernährung, sodass regelmässig Krankheiten ausbrauchen, die zahlreiche Todesopfer forderten. Weitere Krankheitsauslöser waren Berichten zufolge auch Geschlechtskrankheiten, die teils von europäischen Männern an die ausgestellten Frauen übertragen wurden. Nachforschungen haben ergeben, dass teilweise Entführungen aus ihren Heimatländern zum illegalen Transport nach Europa und letztendlich zu der Zurschaustellung hierzulande führten.

Bild: „Indien-Schau“ auf der Sechseläutenwiese im Mai 1926 (Quelle: Archiv Zoo Zürich)

Im August und September 1925 wurden auf der Wiese im Letzigrund während sechs Wochen 74 Schwarze Menschen in Hütten ausgestellt. Während dieser Zeit wurden rund 60’000 Eintrittskarten für die Veranstaltung, die den Namen „*N-Wort*dorf“ trug, verkauft. (Zum Vergleich: Das heutige Stadion Letzigrund hat 26’000 Sitzplätze.) Die Bevölkerungszahl der Stadt ist übrigens von damals rund 200’000 auf heute über 430’000 Einwohner*innen gestiegen. Es kann also die Rede sein von einer Massenveranstaltung, die von mehr als einem Viertel der Stadtbevölkerung besucht wurde. Den grossen Besucher*innenandrang überschatteten zwei Todesfälle innerhalb der ausgestellten „Truppe“. Diese konnten im Nachhinein von den Ärzten als Folge einer Grippe und von falscher Ernährung diagnostiziert werden. Die Veranstaltung lief aber dennoch weiter und wurde erst aufgrund eines unerwarteten Kälteeinbruchs vorzeitig beendet.

Bild: Die „Truppe“ aus dem Letzigrund an der Kolonialausstellung in Lausanne (Quelle: Schweizer Illustrierte, 2. Juli 1925)
Bild: Anzeige für „Völkerschau“ im Letzigrund (Quelle: Der Limmattaler, 2. Juli 1925)

Die „Völkerschauen“ prägten zu grossen Teilen das Bild, das die hiesige Gesellschaft von den „fremden“ Menschen und all jenen, die als „anders“ wahrgenommen wurden, hatte. Dies hatte zur Folge, dass sich in jener Zeit viele Stereotype über bestimmte, vermeintlich homogene Menschengruppen entwickelten und/oder in den Köpfen vieler Leute festigten. Zahlreiche Wissenschaftler der damaligen Zeit bedienten sich diesen Vorstellungen und nutzten sie für ihre Zwecke, indem sie die sogenannte „Rassenlehre“ einführten, die Menschen mit weisser Hautfarbe und anderen äusseren Merkmalen als überlegen und alle anderen als unterlegen bzw. minderwertig in erfundenen Kategorien [sogenannte „Rassen“] verordnete. Ihre vorgeschobenen Begründungen dafür sind zurückzuführen auf bewusst falsche Darstellungen, pseudowissenschaftliche Untersuchungen und das Konstruieren von Klischees und Vorurteilen. Viele davon wurden jedoch tief in unseren Denkmustern und Sprachbildern verankert und mittels Erzählungen, Geschichten, Büchern, Filmen und anderen Schilderungen an die nächsten Generationen weitergegeben. Einige der entwickelten Bilder von „primitiven und unzivilisierten Völker“, die ihre Schlechterbehandlung bzw. eine vermeintliche „Rettung“ oder gar den „Schutz vor sich selbst“ – etwa durch den Kolonialismus – hätten angeblich legitimieren sollen, wirken noch heute. Deshalb sind auch rassistische Stereotype, Vorurteile und Klischees nach wie vor stark präsent und wirken in der Form von rassistischen Zuschreibungen und der damit einhergehenden Abwertung und systematischen Ausgrenzung von bestimmten Menschen(-gruppen). Von Rassismus Betroffene bekommen die Folgen davon in ihrem Alltag auch in der Schweiz als rassistische Diskriminierung zu spüren über und erfahren strukturelle Benachteiligungen und Ungleichbehandlungen.

Bild: Die sogenannte „Buschmann-Hottentotten-Truppe“ war über Ostern 1887 im „Plattengarten“, einem ehemaligen Restaurant in Zürich-Fluntern. (Quelle: Archivamt für Westfalen)

Anmerkung: Die Zeitung Züricher Post schrieb am 10. April 1887, dass der wohlgeformte Körperbau der ausgestellten Menschen merkwürdig sei, zumal „doch Buschmänner und Hottentotten eine degenerierte, daher in kümmerlichen Resten erhaltene Race [=Rasse] sein sollen.“

Wir als Kollektiv Vo da. appellieren für eine rassismuskritische Auseinandersetzung mit der Thematik „Völkerschauen in der Schweiz“ und den damit verbundenen, zum Teil nach wie vor existierenden Sprachbildern in unserer Gesellschaft. Die mitunter dadurch konstruierten rassistischen Vorstellungen reihen sich ein in eine jahrhundertealte Tradition von (vermeintlichem) Wissen über und dem mittlerweile wissenschaftlich widerlegten Irrglaube an angebliche „Menschenrassen“, etablierten gesellschaftlichen Strukturen, hierarchischen Ordnungen und gewaltvollem Handeln.

Bild: Bis im Jahr 1964 zeigte der Circus Knie sogenannte „Völkerschauen“ in der Schweiz. (Quelle: Museum für Gestaltung / Archiv ZHdK)

Bild: Eine Familie wird vom Knie-Pressesprecher am 11. März 1958 am Flughafen Kloten abgeholt. Die Indigenous werden in einem Seitenzelt des Circus „ausgestellt“. (Quelle: Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv)
Bild: Ein Teil der „Truppe“, die als „Völkerschau“ im Circus Knie im Jahr 1928 gezeigt wurde. (Quelle: Sammlung Rea Brändle)

Für Interessierte empfehlen wir das Grundlagenbuch „Wildfremd, hautnah – Zürcher Völkerschauen und ihre Schauplätze 1835–1964“ von Rea Brändle. Das Buch sowie ein Bericht der Journalistin und Historikerin Yaël Debelle dienten als Quellen für die historischen Beschreibungen in diesem Artikel.

Wir bedanken uns an dieser Stelle herzlich bei Mandy Abou Shoak für die Zurverfügungstellung ihrer Hausarbeit über „Völkerschauen“ und Menschenrechte sowie für die wertvollen Inputs bei der Recherche.