Behauptung #07

Wer einen historischen Begriff beseitigen möchte, will bloss die Geschichte auslöschen. Das bringt doch nichts gegen den aktuellen Rassismus!

Diese oder ähnlich formulierte Aussagen erfolgten insbesondere in letzter Zeit sehr oft, als Widerstand gegen eine Sensibilisierung unseres Sprachgebrauchs. Oft wird eben diese Sensibilisierung als sogenannte „Cancel Culture“ verspottet, die den gesellschaftlichen Umgang mit Sprache zu einem angeblichen „Minenfeld“ gestalten würde, in dem kein Fehltritt mehr erlaubt ist und einem scheinbar zu oft „der Mund verboten“ wird. Diese Behauptung ist falsch, in vielerlei Hinsicht problematisch und kann am besten unter den folgenden zwei Gesichtspunkten analysiert werden: zum einen in der Disparität von Vergangenheit und Gegenwart und zum anderen in der mangelnden Selbstreflexion über angeborene Privilegien, die Menschen in unserer Gesellschaft voneinander unterscheiden.

Auswirkungen von Rassismus und die daraus resultierenden Ungerechtigkeiten in Themen der Vergangenheit und jener der Gegenwart zu unterscheiden, lässt eine Wechselwirkung völlig ausser Acht, die jedoch überaus entscheidend ist: Das Konstrukt des Rassismus und später das Konzept der „Rassentheorie“ wurden vor knapp 500 Jahren formuliert, um Unterdrückung und Ausbeutung von als minderwertig betrachteten Menschen bzw. Menschenvölker „begründen“, rechtfertigen und legitimieren zu können. Rassismus wurde sowohl institutionell, sowie auch auf zwischenmenschlicher Ebene stark in unserer Gesellschaft verankert. Historische Begriffe und Bezeichnungen aus dieser Zeit sind somit nicht bloss leere Relikte, sondern klare Spuren davon, wie tief dieses menschenfeindliche Denken sitzt. Mit der Beseitigung solcher Begriffe und der Umformulierung unserer Sprache hin zu diskriminierungsfreien und rassismuskritischen Bezeichnungen soll somit nichts ungeschehen gemacht werden, sondern viel mehr jene Diskriminierungen in unserer Normalität identifiziert und Schritt für Schritt dekonstruiert werden. Nur so kann nämlich eine inklusive Gesellschaft in Zukunft sein, wenn sie auch in gleicher Form in unserer Sprache repräsentiert wird. Wie wir über Menschen sprechen und wie wir sie bezeichnen, beeinflusst massgeblich, wie wir sie sehen und wie wir uns ihnen gegenüber verhalten (vgl. Rassismus. Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen!).

Eine abweisende Haltung gegenüber einem zunehmenden Bewusstsein für Wirkung von Sprache zeugt zudem auch meist von einer sehr langen Liste an Privilegien, welche die sich über die geforderte Sprachänderung beklagende Person vorweist. Privilegien – oftmals angeboren –, die einem als der Dominanzgesellschaft zugehörig (wahrgenommen) machen. Somit ist es also für Personen, die nicht von einer oder mehreren bestimmten Diskriminierungsformen betroffen sind, nur durch Empathie, Dialog und selbstinitiierte Informationsbeschaffung möglich, dazuzulernen und neue Erkenntnisse zu erlangen. In diesem Austausch ist es deshalb unabdingbar, dass Hinweise zu vorherrschenden Problemen angehört und respektiert werden, um daraufhin gemeinsame Lösungswege zu finden.

Es ist eben nicht so, dass „gut gemeint“ über „schlecht gesagt“ hinwegtröstet oder dass gewisse Begriffe „nun mal schon immer so heissen“ und „meistens nicht abschätzig gemeint“ sind.

Sprache und Realität befinden sich stets in einer Wechselwirkung. So wie eine stetig wandelnde Wirklichkeit neue Begriffe in unseren Wortschatz (siehe z.B. Sprachforscher*innen sammelten rund 1’000 neue Wörter rund um Coronapandemie) bringt, so kann eine Anpassung unseres Sprachgebrauchs auch die Wahrnehmung und Sichtbarkeit in unserer Welt verändern. Ausdrücke und Narrative, die eine diskriminierende Historie und/oder diskriminierende Wirkung haben, gilt es daher bewusst und konsequent zu entgegnen – ganz egal wie tief und wie lange sie bereits verwurzelt sind und welche Legitimierung für ihren Gebrauch gewisse Leute glauben gefunden zu haben.

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